Der Kreis erhebt sich

Beim Anleiten meiner Choreografien im Kreis faszinierte mich immer, dass der Kreistanz oftmals in einer zweidimensionalen Form gedacht wird. Der Blick richtet sich auf den Boden, die Schrittmuster werden bodenbezogen erklärt.

Doch was geschieht, wenn der Kreis sich erhebt – wenn er sich in die dritte oder gar in eine vierte Dimension ausdehnt?

Lange Zeit schien mir die Erhebung entlang einer vertikalen Achse zu genügen. Doch irgendwann verstand ich: Der Kreis ist die zweidimensionale Projektion einer Kugel – jener Form, die durch Rotation eines Kreises um eine Achse entsteht.

Ich begann zu forschen – tanzend natürlich.
Was bedeutet das für den Körper, für seine kreisenden Bewegungen, für die Spiralen, die daraus entstehen? Und schließlich kam die große Frage, die mich bis heute begleitet:

Von welcher geometrischen, mehrdimensionalen Figur ist das Labyrinth eine zweidimensionale Abbildung?

Vom Kreis zur Sphäre

Auch beim Begehen eines Labyrinths folgen viele Augen meist dem Weg auf dem Boden.
Zwar führen Wände, Pflanzen oder Mauern in eine angedeutete Dreidimensionalität.
Für mich war das unbefriedigend – meine Suche wollte weiter gehen.

Leonardo da Vinci zeigt uns im Vitruvianischen Menschen eine Figur mit ausgestreckten Gliedern in zwei überlagerten Positionen: einmal in ein Quadrat (homo ad quadratum), einmal in einen Kreis (homo ad circulum). In einem Kreis oder in einer Kugel?

Rudolf Laban prägte den Begriff der Kinesphäre – den individuellen Bewegungsraum um den Körper, eine Sphäre, eine Kugel, die unser energetisches Zentrum umgibt.

Unsere Gelenke folgen demselben Prinzip: Gelenkkopf und Gelenkpfanne bilden Kreisbögen – sichtbar in Schulter und Hüfte, aber ebenso in Wirbelsäule, Fingern und Zehen.
Jede Bewegung lässt sich damit als Teil eines Kreises erfahren. Es könnten sich viele Beschwerden lösen, wenn wir das Zirkuläre – und seine Übergänge zur Lemniskate – wieder spüren und in den Gelenken verkörpern würden.

Die Gegenbewegung

In meiner Arbeit als Body-Mind Centering®-Therapeutin und -Lehrerin lernte ich, dieses Wissen praktisch anzuwenden. In der Release Technique, einem körperfreundlichen Ansatz des zeitgenössischen Tanzes, entdeckte ich die Bedeutung des Rollens.

Bewegungen werden fließender, wenn nicht nur der Gelenkkopf sich bewegt, sondern auch die Pfanne eine subtile Gegenbewegung vollzieht.

Warum erzähle ich das?
Weil diese gegenläufigen Bewegungen neue Wege eröffnen – hinein und hinaus, Verbindungen zwischen Innen und Außen. Und wer diesen Weg weiterverfolgt, erkennt schließlich:

Sie bilden Doppel-Spiralen.

Das Herz / Annie Besant & Charles Leadbeater, Occult Chemistry, 1908, Public Domain. Quelle: The Public Domain Review.

Das Herz / Annie Besant & Charles Leadbeater, Occult Chemistry, 1908, Public Domain. Quelle: The Public Domain Review

Embryologische Tänze

Vor etwa zwanzig Jahren erwachte weltweit in der Körperarbeit ein tiefes Interesse an den embryologischen Bewegungen des Lebensbeginns. Ich lebte damals teilweise in den USA, als meine Lehrerin Bonnie Bainbridge Cohen begann, die Embryologie als eine in unseren Zellen gespeicherte Erinnerung neu zu entdecken. Ich durfte an ihrer Forschungsarbeit teilnehmen.

Die befruchtete Eizelle – die Zygote – ist eine Kugel. Unser erster Tanz beginnt mit ihrer Drehung um die eigene Achse. Die entstehenden Zellen formen eine Hülle um einen großen, kugelförmigen Raum, in dessen Zentrum sich allmählich der Keim des Körpers bildet.

Am Anfang sind wir Raum.
Ein Raum, der weit über das Physische hinausreicht.

In der BMC-Arbeit geht es nicht um Theorie, sondern um Verkörperung – darum, sich mit der Intelligenz der Zellen zu verbinden. Während der embryonalen Entwicklung entstehen mehrere runde Räume: der Dottersack, der Amnionraum. Durch Ein- und Ausstülpungen, Drehungen und Umkehrungen verwandeln sich diese Räume fortwährend – Innen und Außen kehren sich ineinander. Embryologie als die Verkörperung von Raum?

Wer dies schwer greifen kann, schaue auf die Zeichnung eines Embryos, umgeben von sich ineinander stülpenden Räumen.

Und jetzt zu unserem Thema: Erkennt man darin nicht auch das Labyrinth? Und welch ein Wunder: Das Herz führt die Regie – mit seinen Strömungen, Schlägen und Rhythmen.

Das Herzfeld

Doch die Frage bleibt:

Von welcher geometrischen Figur ist das Labyrinth eine zweidimensionale Abbildung?

Das elektromagnetische Feld des Herzens wurde in der Kunstgeschichte immer wieder dargestellt – als Aureole, als Mandorla, als Lichtring. Dazu gibt es Bilder des Torus, jener ringförmigen Struktur mit ihren Wirbel- oder Vortexfeldern.

Der Forscher Dan Winter beschreibt diese toroidalen Felder als energetische Formen, die wesentlich zur magnetischen und elektrischen Kohärenz des Herzens beitragen. Ein Torus erzeugt Wirbel, Doppel-Spiralen, Strömungen – multidimensional. Und überträgt man diese Bewegung in die Ebene, entsteht tatsächlich eine mehrdimensionale labyrinthartige Zeichnung.

Das Universum tanzt

Das Universum tanzt

Mir wird schwindlig vor Staunen. Im Ohr werden die drei Bögen des Gleichgewichtsorgans ebenfalls ein Labyrinth genannt und dank dieses kleinen Organs können wir die Dreidimensionalität überhaupt wahrnehmen. Ich beginne, die toroidalen Felder zu studieren – tanzend natürlich: Wirbel, Vortex, Drehung. Nicht nur im Herzen, nicht nur im Körper – das gesamte Universum bewegt sich in dieser Dynamik.

Die Vortexfelder sind Tanzbeschreibungen. Mein Körper versteht sie – tief in unserer DNA tanzen die Helixformen, die Knochen zeichnen Spiralen, das Blut pulsiert spiralisch durch die Gefäße.

Und wer sich eingeladen fühlt, diesen Tanz mitzuerleben – tanzend, forschend, lauschend –,
der möge eintreten in das neue Tanzlabyrinth. Für meine Projekte dazu schaue rein: wilmavesseur.com. Ganz besonders von 27.- 30. August in Rottweil werden wir meine choreographische Kreistanzarbeit im Licht des neuen Tanzlabyrinths betanzen!

www.wilmavesseur.com

 

https://www.light-weaver.com/LW-old/raycharts/page4.html

https://www.youtube.com/watch?v=mBiPLWxn0ps

https://goldenmean.info/labyrinth/index.html

https://embryology.ch/de/veterinaer-embryogenese/fetale-membranen-und-plazenta/eihaeute/dottersack.html?p=0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Da_Vinci_Vitruve_Luc_Viatour.jpg

Tanzgattung