Die Musikerin, Komponistin, Sängerin, Geschichtenerzählerin und Mystikerin Shura Lipovsky entwickelte mit „The Meditative Voice“ ein eigenes Modell. Ausgehend von Martin Bubers Philosophie der dialogischen Arbeit verbindet es chassidische Lehren und Kabbala mit jiddischen Liedern, Nigunim, Meditation und Bewegung.

Von 11. bis 14. Juni 2026 gab sie in Niederösterreich, Stockerau, ein Konzert sowie einen 2-tägigen Workshop. Abschließend gestaltete sie zusammen mit der evangelischen Gemeinde den Sonntagsgottesdienst.

Larissa Breitenegger nahm an allen Programmpunkten teil und gibt mit ihrer persönlichen Rückschau Einblick in Shura Lipovskys Arbeitsweise und ihr Wirken.

Montag, 15. Juni 2026

Türöffnerin zu Höhen und Tiefen

Als ich am ersten Abend Shuras Konzert lausche, bekomme ich bei den ersten Klängen bereits am ganzen Körper Gänsehaut. Es ist so spürbar: Hier passiert etwas. Sie öffnet Türen und Tore.

Mit den Geschichten, die sie lebendig und ergreifend erzählt, mit den Liedern und Nigunim, die sie mit uns singt, die sanft und gleichzeitig tief berühren, lädt Shura Lipovsky uns TeilnehmerInnen in ihrem Workshop auf eine Reise zu uns selbst ein:

Ich würde sie als Heilerin und Magierin beschreiben, die uns durch ihre Arbeit Türen in „die tiefsten Tiefen und die höchsten Höhen“ weist. Ihre Werkzeuge sind neben ihrer sehr spürigen Art ihre Stimme, die Musik, die Inhalte ihrer Geschichten und Lieder, die chassidische Mystik sowie ihr eigener Bezug zu Gott.

An diesem Wochenende wird etwas still in mir. Und gleichzeitig kommt so viel in Bewegung wie schon lange nicht mehr.

Mit kleinen großen Fragen, eingeflochten zwischen Geschichten, Singen und Tanzen, kreiert Shura Raum und Zeit, Licht auf dunkle oder schattige Bereiche zu werfen. Fragen, die in der Fragestellung selbst schon so viel Weisheit in sich tragen:

Wann gab es in der letzten Woche einen Moment, das kann ein sehr kleiner Moment gewesen sein, wo dich etwas aus der Balance gebracht hat? Und dann schau, was hat dazu geführt, dass es dich aus der Balance gebracht hat? Nur wenn wir diese Momente beleuchten und nach ihren Ursachen suchen, können wir sie transformieren.“

Chet – Transformation durch eine Glocke aus Licht

Zwischen Geschichten und Gesang flicht Shura immer wieder Weisheiten aus der chassidischen und kabbalistischen Tradition ein.

Beispielsweise den Buchstaben Chet, der 8. Buchstabe des hebräischen Alphabets. 8, Zahl der Transformation: Gott schuf die Welt in 6 Tagen und am 7. Tag ruhte er. Damit ist die Schöpfung vollendet. Die 8 weist insofern auf die Ebene jenseits der Vollendung der materiellen Welt hin.

Chet ist außerdem der erste Buchstabe des Wortes für Liebe/Erbarmen, Chessed.

Shura lädt uns zu einer Art Lichtmeditation mit dem Buchstaben Chet ein. Ein gerader Strich, und ein geschwungener. Dazwischen eine Öffnung nach oben, ein Kanal.

Buchstabe Chet

Wir stellen den geraden Strich links neben uns, den geschwungenen rechts, und befinden uns direkt unterhalb der Öffnung, durch die ein zartes Licht einströmt, das uns umhüllt und durchdringt.

Ich frage mich, wie es ist, wenn ich diesen Buchstaben in die Dreidimensionalität bringe, und stelle ihn so viele Male um mich herum, dass eine Glockenform rund um mich entsteht, mit der Öffnung nach oben. Rund um mich die Glocke, von oben das Licht. Ich freue mich, dass ich die Glocken, die mich in dieser Zeit so sehr begleiten, auch durch diesen Buchstaben erleben darf.

Und dann, in all dem zarten, feinen Licht, weist uns Shura mit ihrer Frage in eine Richtung:

Geh zurück bis zum Moment deiner Geburt, und sieh: Mit welcher Intention, mit welchem „Auftrag“, bist du zur Welt gekommen?“

Den Faden verlieren – menschliche Umwege

Vielleicht ist es die Essenz des Lebens, dass man seinen Faden verliert, und ihn dann wiederfindet“

Es geht in ihrem Workshop immer wieder um unsere menschlichen Umwege: Den Faden verlieren und ihn wiederfinden. Gott verlieren und ihn wiederfinden. Im Chassidismus gelte: Wenn man zurückfindet, ist man weiter als zuvor. Wer etwas verloren hat und es wiederfindet, schätzt es noch tiefer als zuvor. Wie die Umarmung mit einem Menschen, den man verloren glaubte und ihn wiederfindet: in ihr liegt eine Innigkeit, die zuvor nicht möglich gewesen war.

Und immer wieder singen wir. Shuras Gesang mit uns verbindet oben mit unten, außen mit innen, uns selbst mit dem Göttlichen.

Besonders berührt mich ein Schlaflied für Erwachsene. Ich weiß nicht mehr, wie es ging – aber nur die Idee, zu sagen: Erwachsene brauchen genauso (vielleicht sogar noch eher) Schlaflieder, und mir selbst diesen Gedanken zuzugestehen, in seiner ganzen Liebe und Zärtlichkeit, rührt mich an.

Ich kann nicht immer mitsingen, vor Rührung, mal ist da ein tiefer Schmerz, der mir die Kehle zuschnürt. Dann nehme ich mir einen Moment, lasse mich vom Gesang der anderen streicheln und tragen und steige etwas später mit ein – und versuche das, was eng in mir ist, sich durch den Gesang verändern zu lassen.

Gott braucht den Menschen, um seiner Anwesenheit Gestalt zu geben“

Shuras Weisheiten, Gedankenanstöße, Fragen machen mich auf. So vieles, was ich sonst gut weggepackt habe, darf einen Moment gesehen werden von mir.

Und das ist finde ich das Besondere: Von mir selbst. Shura erinnert in uns die Fähigkeit, uns selbst Zeugschaft zu geben, in Beziehung zu dem Du in uns selbst, in Beziehung zum ewigen Du, dem ewigen Zeugen zu treten.

Sie macht es auf eine sehr sanfte, humorvolle Art und Weise, lädt ein, Themen so tief in uns zu bewegen, und gleichzeitig in Beziehung zu gehen zu sich selbst und zu einem Du, zum ewigen Du, wie Martin Buber es beschreibt.

Dann hieß es plötzlich: Nimm dir Stift und Papier und schreib Gott einen Brief, in dem du ihn fragst welche Fragen du hast, oder anklagst, was dich beschäftigt.

Später dann, nach ein paar Liedern:

Und jetzt schreib’ Gottes Antwort an dich.

Wir sind hier, um etwas heile zu machen

In Shuras Arbeitsweise erkenne ich viele jener Prinzipien wieder, die mir aus meiner Ausbildung in Somatic Experiencing bekannt sind: Resonanz, Kohärenz, Verbundenheit, Entschleunigung, die Integration von Gegensätzen, das Bewusstmachen von Ressourcen, Vertrauen in den Lebensfluss, das Licht auf Schattenseiten zu richten und Erstarrtes wieder in Bewegung zu bringen. Und tatsächlich: beim späteren Nachlesen stelle ich fest, dass sie auch über ein psychotherapeutisches Diplom in Psychosynthese verfügt.

Nur dass ich ihre Art, uns tiefer zu uns selbst zu begleiten mittels ihrer Geschichten, Lieder und Fragen, irgendwie „fließender“, beiläufiger und insofern natürlicher empfinde als im klassisch-therapeutischen Kontext. Es geht um Inhalte und um Bewegung im Innen, um Sinn, um Beziehung und um nichts weniger als die Frage, wer bin ich und warum bin ich hier. Und alles im Bezug zu Gott.

Deshalb sind wir da: Jeder Mensch auf dieser Erde hat etwas in sich heile zu machen. Wären wir perfekt, gäbe es keinen Grund, noch hier zu sein, ist die Essenz einer Geschichte, die sie uns erzählt.

Sie erzählt zwischendurch, wenn wir Fragen stellen, auch immer wieder von sich selbst. Bleibt in Beziehung mit den TeilnehmerInnen und gibt weiter, was sie gelernt oder sich erarbeitet hat.

Ich habe eine Disziplin des Vertrauens entwickelt“

Das Leben habe sie gelehrt, dass in den schwersten Zeiten immer unerwartet Hilfe kommt. Vertrauen bedeute im Hebräischen auch gleichzeitig „Sicherheit“. Mit diesem Vertrauensbegriff kann ich viel anfangen.

"Mein Gott ist liebevoll"

Seit dem Workshop fallen mir immer wieder einzelne Sätze und Momente ein, die mich weiter nähren und begleiten:

„Wenn wir Fehler machen, können wir es auch so sehen: Gott vertraut uns, dass wir das aushalten.“

Eine Teilnehmerin sagte, nachdem sie den Brief von Gott schrieb: „Es kommt vielleicht aus meinem Kopf“ – und Shura fragte nur:

„Ist dein Kopf nicht du?“

Vielleicht können wir im „Bösen“ oder „Schlechten“ einen gut verpackten Funken Licht sehen, der noch nicht befreit ist.“

Das Ziel ist eine Art Gleichmut: So dankbar sein für das Leben, dass man dankbar ist, egal ob für gute oder schwierige Zeiten.“

Es ist kein Gestern mehr da, und noch kein Morgen, nur ein klein bisschen Heute – stör’ es nicht mit Sorgen.“

Vor allem aber sind neue Fragen für mich aufgetaucht, die mich jetzt begleiten. Eine davon die Frage nach meinem eigenen Faden und um meine Beziehung zum ewigen Du.

Und vielleicht hat Shura mit ihren Fragen, Geschichten, ihrem Gesang und ihrem Sein nichts weniger bewirkt, als mich liebevoll und im Vertrauen an meine eigene persönliche Beziehung zu erinnern… an meinen Faden und meine Suche, und an das, was nicht heile in mir ist.

„Ihr wisst jetzt die Adresse“, verabschiedete Shura sich am Ende ihres Workshops – und spielte auf unseren Briefwechsel mit Gott an.

Konzert

Der Beginn: Konzertabend, Marjolijn van Roon an der Flöte, Shura Lipovsky. Foto: Ulli Bixa

Seminarort: Lutherkirche Stockerau

Der "Seminarraum" in der evangelischen Friedenskirche Stockerau, ehemals die Synagoge der Stadt. Foto: Ulli Bixa 

Lutherkirche

Die ehemalige Synagoge, heute evangelische Friedenskirche Stockerau. Foto: Ursula Mihelič

Shura Lipovsky Wochenende I

Im Anschluss an den religionsübergreifenden Gottesdienst am Sonntag gab es noch eine Gesprächs- bzw. Fragenrunde mit Shura Lipovsky und Christian Brost. Foto: Ulli Bixa

Team

Das Team hinter diesen besonderen Tagen, v.l.n.r.:

Ulli Bixa, Initiatorin und Organisatorin von Shuras Aufenthalt in Österreich
Irmi Lenius, Lektorin und Kurator Stv. der evangel. Pfarrgemeinde Stockerau
Marjolijn van Roon, Musikerin (Blockflöte, Caval), Ensemble Novaya Shira, Amsterdam
Shura Lipovsky, Sängerin, Gründerin der Stiftung „Magid, Haus des Goldenen Pfau“ Amsterdam
Karin Brost, Ehefrau des Pfarrers und Mitorganisatorin
Christian Brost, Pfarrer der evangelischen Pfarrgemeinde Stockerau

Hier finden Sie mehr Informationen über Shura Lipovsky

 

ENGLISH VERSION

 

Shura Lipovsky, a musician, composer, singer, storyteller, and mystic, developed her own model called “The Meditative Voice.” Drawing on Martin Buber’s philosophy of dialogical work, it combines Hasidic teachings and Kabbalah with Yiddish songs, nigunim, meditation, and movement.

From June 11 to 14, 2026, she gave a concert and led a two-day workshop in Stockerau, Lower Austria. To conclude the event, she led the Sunday service together with the Protestant congregation.

Larissa Breitenegger participated in all program events and, through her personal reflection, offers insight into Shura Lipovsky’s working methods and her impact.

Monday, June 15, 2026

Opening a gateway to heights and depths

As I listen to Shura’s concert on the first evening, I get goosebumps all over my body from the very first notes. It’s so palpable: something is happening here. She opens doors and gates.

Through the stories she tells vividly and movingly, and through the songs and nigunim she sings with us—which touch us gently yet deeply—Shura Lipovsky invites us, the participants in her workshop, on a journey to our inner selves:

I would describe her as a healer and a magician who, through her work, shows us doors to “the deepest depths and the highest heights.” In addition to her deeply intuitive nature, her tools include her voice, music, the content of her stories and songs, Hasidic mysticism, and her own connection to God.

This weekend, something within me grows still. And at the same time, so much comes into motion as it hasn’t in a long time.

With small yet profound questions, woven into stories, singing, and dancing, Shura creates the space and time to shed light on dark or shadowy areas. Questions that already hold so much wisdom within the very act of asking:

“When was there a moment last week—it could have been a very brief moment—when something threw you off balance? And then look: what caused it to throw you off balance? Only when we shed light on these moments and search for their causes can we transform them.”

Chet—Transformation Through a Bell of Light

Amid stories and song, Shura repeatedly weaves in wisdom from the Hasidic and Kabbalistic traditions.

For example, the letter Chet, the 8th letter of the Hebrew alphabet. 8, the number of transformation: God created the world in 6 days, and on the 7th day He rested. Thus, creation is complete. In this sense, the number 8 points to the realm beyond the completion of the material world.

Chet is also the first letter of the word for love/mercy, Chessed.

Shura invites us to a kind of light meditation with the letter Chet. A straight line, and a curved one. Between them, an opening pointing upward—a channel.

chet

We place the straight line to our left and the curved one to our right, and find ourselves directly beneath the opening through which a soft light streams in, enveloping and permeating us.

I wonder what it would be like to bring this letter into three dimensions, and I place it around me so many times that a bell shape forms all around me, with the opening facing upward. The bell surrounds me, and the light comes from above. I’m glad that I can also experience the bells—which have been such a constant companion to me during this time—through this letter.

And then, in all that delicate, subtle light, Shura points us in a direction with her question:

“Go back to the moment of your birth, and see: With what intention, with what ‘mission,’ did you come into the world?”

Losing the Thread—Human Detours

“Perhaps the essence of life is that you lose your thread, and then find it again.”

Her workshop repeatedly revolves around our human detours: losing the thread and finding it again. Losing God and finding Him again. In Hasidism, the saying goes: When you find your way back, you’ve gone further than before. Anyone who has lost something and finds it again appreciates it even more deeply than before. Like the embrace with a person you thought you’d lost and then found again: in it lies an intimacy that wasn’t possible before.

And time and again, we sing. Shura’s singing connects us to the above and the below, the outside and the inside, ourselves and the Divine.

I’m particularly moved by a lullaby for adults. I no longer remember the words—but just the idea of saying, “Adults need lullabies just as much (perhaps even more so),” and allowing myself to embrace that thought, in all its love and tenderness, touches me deeply.

I can’t always sing along—I’m too moved; sometimes there’s a deep pain that tightens my throat. Then I take a moment, let myself be soothed and carried by the others’ singing, and join in a little later—and try to let what’s tightly held within me be transformed by the song.

“God needs human beings to give form to His presence.”

Shura’s words of wisdom, thought-provoking ideas, and questions open me up. So much of what I’ve otherwise tucked away is allowed to be seen by me for a moment.

And that, I find, is what makes it special: coming from myself. Shura reminds us of our ability to bear witness to ourselves, to enter into a relationship with the “You” within ourselves, and with the eternal “You,” the eternal Witness.

She does this in a very gentle, humorous way, inviting us to explore these themes deeply within ourselves, while at the same time connecting with ourselves and with a “You”—the eternal “You,” as Martin Buber describes it.

Then suddenly she said: “Take a pen and paper and write a letter to God, asking Him the questions you have, or expressing what’s troubling you.”

Later, after a few songs:

"And now write God’s reply to you."

We are here to heal something

In Shura’s approach, I recognize many of the principles I’m familiar with from my training in Somatic Experiencing: resonance, coherence, connectedness, slowing down, the integration of opposites, becoming aware of resources, trust in the flow of life, shining light on the shadow sides, and setting what has become frozen back in motion. And indeed: upon reading her work later, I discover that she also holds a psychotherapy diploma in psychosynthesis.

It’s just that I find her way of guiding us deeper into ourselves through her stories, songs, and questions somehow “more fluid,” more casual, and in that sense more natural than in a classical therapeutic context. It’s about content and inner movement, about meaning, about relationships, and about nothing less than the question: Who am I, and why am I here? And all of this in relation to God.

That’s why we’re here: Every person on this earth has something within them to heal. If we were perfect, there would be no reason to still be here—that’s the essence of a story she tells us.

In between, when we ask questions, she also talks about herself time and again. She stays connected with the participants and shares what she has learned or worked through.

“I’ve developed a discipline of trust.”

Life has taught her that, even in the hardest times, help always comes unexpectedly. In Hebrew, “trust” also means “security.” I can really relate to this concept of trust.

“My God Is Loving”

Ever since the workshop, individual phrases and moments keep coming to mind that continue to nourish and guide me:

“When we make mistakes, we can also look at it this way: God trusts us to be able to handle it.”

One participant said, after writing her letter to God: “Maybe it’s just in my head”—and Shura simply asked:

“Is your mind not you?”

“Perhaps we can see a well-hidden spark of light in what is ‘evil’ or ‘bad’—a spark that hasn’t yet been set free.”

“The goal is a kind of equanimity: to be so grateful for life that you’re grateful no matter whether times are good or difficult.”

"Yesterday is gone, tomorrow not yet born; only a little today remains — don't burden it with cares and pains."

Above all, however, new questions have emerged for me that now accompany me. One of them is the question of my own thread and my relationship to the eternal You.

And perhaps Shura, with her questions, stories, singing, and very being, has done nothing less than lovingly and trustingly remind me of my own personal relationship… with my thread and my search, and with what is not whole within me.

“You know the address now,” Shura said as she bid us farewell at the end of her workshop—alluding to our correspondence with God.

Tanzgattung