Hennie Konings: Ein Kriegskind zwischen zwei Welten, ein Onkel, der in der Hocke tanzt, und eine Mutter, deren Lieder ihn begleiteten: Das Leben des international bekannten niederländischen Tanzpädagogen, Choreografen und Experten für russische Tanzfolklore liest sich wie eine Kette glücklicher Zufälle – und wurde zu einer der prägendsten Lebensgeschichten der russischen Tanzszene im Westen. Vom Arbeitseinsatzlager, in dem seine Eltern sich fanden, über die Ballettausbildung in Rotterdam bis zu seiner Weiterbildung bei der legendären Choreografin Tatjana Ustinova in Moskau erzählt er in dieser zweiteiligen Interviewreihe von einem Leben, das immer wieder zwischen Zufall und Berufung changiert. Teil 1 widmet sich seiner Biografie: seiner ukrainisch-holländischen Familiengeschichte, dem Weg zum Tanz und den Jahren, die ihn zu dem machten, was er wurde. In Teil 2 spricht er über sein Tanzverständnis und seinen Blick auf die russische Seele.
Das Interview führte Larissa Breitenegger.
Larissa: Hennie, du bist bekannt für deine unglaubliche Expertise zu russischen Tänzen. Du sprichst Holländisch, Russisch, Deutsch – wie kommts, kannst du ein bisschen zu deinen Wurzeln erzählen?
Hennie: Meine Mutter ist in der Sowjetunion geboren, russischsprachig, aus dem Donetsk-Gebiet in der Ostukraine. Meine Eltern haben sich im Arbeitseinsatzlager während des Zweiten Weltkriegs kennengelernt – meine Mutter war dorthin deportiert worden aus Donetsk, mein Vater aus Holland, um dort als Zwangsarbeiter für die Deutsche Kriegsindustrie zu arbeiten.
Nach Kriegsende wurden meine Eltern bei Potsdam von der Roten Armee befreit. Eigentlich mussten alle Sowjetbürger zurück in die UdSSR, aber meine Mutter war schon schwanger, und sie waren verliebt. Sie heirateten, damit mein Vater sie mit nach Holland nehmen konnte. Ein paar Monate nach der Ankunft in Holland wurde ich geboren.
Manchmal denke ich: ohne den Zweiten Weltkrieg gäbe es mich nicht. Mein Leben ist eine Kette von Glücksfällen – geboren in Holland statt in Stalins Sowjetunion, das war der erste.
Larissa: Deine Verbindung zur russischen Kultur wurde also über deine Mutter gelegt.
Hennie: Meine Mutter war eine leidenschaftliche Sängerin und brachte mir und meiner Schwester russische Lieder bei. In Holland sang sie in einem kleinen russischen Ensemble unter der Leitung von Iwan Schustow, einem vor der Revolution geflüchteten Balalaikaspieler. Ich war fünf, sechs Jahre alt, saß bei den Proben dabei und lernte selbst russische Lieder.
Hennie mit seiner Mutter Nadja und seiner Schwester Lily
Larissa: Bist du dann russisch-sprachig aufgewachsen?
Hennie: Meine Eltern sprachen am Anfang Deutsch miteinander. Richtig Russisch lernte ich erst mit 17, bei unserem ersten Verwandtenbesuch in der Sowjetunion – dort sprach niemand etwas anderes.
Larissa: Wie war das für dich, in der damaligen Sowjetunion zu Besuch zu sein?
Hennie: 1963 war ich zum ersten Mal dort, ich war 17. Ich fühlte mich so wohl – da war diese Wärme unter den Leuten. Sie waren so offen und wir wurden auf eine Art und Weise empfangen, die ich aus Holland nicht kenne. Die Holländer sind ziemlich nüchtern und körperfeindlich, und emotionsfeindlich – das sind die Russen gerade nicht.
Larissa: Inwiefern sind Russen nicht körper- und emotionsfeindlich?
Hennie: Ein Detail zum Beispiel: Männer untereinander können sich küssen, umarmen ohne Probleme – das ist normal. In einer Freundschaft können sie körperlich sehr nah beieinander sein, sich umarmen. Unser calvinistischer Hintergrund hat in Holland natürlich auch Folgen gehabt, Emotionen waren etwas, das war für die südlichen Länder da, Italien und Spanien, aber nicht für uns. Wir sind eher individualistisch und beherrscht.
In Russland war man nicht so beherrscht: Männer haben dort geweint, untereinander waren reichlich Emotionen.
Als meine Mutter da war und sie sich über ihre Cousins, die im Krieg gefallen waren, unterhielten – niemand schämte sich für seine Tränen. Das war für mich sehr beeindruckend.
Larissa: Ein ganz anderes Männerbild mit dem du da konfrontiert wurdest.
Hennie: Ja, und dann war da noch so ein Glücksfaktor. Mein Onkel hat getanzt. In meiner Wahrnehmung war Tanz etwas für Frauen, ich habe nie getanzt, in Holland tanzten nur Frauen. Aber dort in der Ukraine, wo wir waren – ich sah meinen Onkel tanzen und habe gedacht, das ist toll. Er hat gestrahlt, er war so in seinen Bewegungen, ein guter Tänzer, der auch in der Hocke tanzte. Ich war jung und fit und machte es ihm nach – die anderen Verwandten haben gestaunt und meinten: Schau mal, er ist einer von uns.

Bei der Probe von „Wolga“ in der Hocke tanzend - im Alter von 17 Jahren
Larissa: Das war also der Beginn deines Tänzerlebens.
Hennie: Die Glücksfaktoren nahmen ihren Lauf: Zurück in den Niederlanden, trat ich dem Ensemble „Wolga" bei, meine Mutter war die Leiterin, ich spielte dort Balalaika. Bei einem Probeabend sagte meine Mutter, ich solle in ihrem Ensemble mal zeigen, was ich da in Russland getanzt habe. Es waren alle begeistert.
Über einen Schulfreund, dessen Mutter Kostümbildnerin an der Tanzakademie Rotterdam war, kam ich zum Ballett – Samstagnachmittags gab es eine Männerklasse. Als ich dort war und sah wie die Jungs die schon gut tanzen konnten ihre Sprünge machten habe ich gedacht, das möchte ich lernen. Also habe ich angefangen, seriös zu trainieren. Die Schule war für mich sowieso nichts. Doch jetzt sah ich einen Weg: vielleicht wäre es möglich, dass ich auf der Tanzakademie als Student angenommen werde. Das ist mir dann in relativ kurzer Zeit gelungen.

An der Ballettstange in der Tanzakademie, mit den Füßen in der fünften Position
Larissa: Du warst sehr offen und hast nicht an deinen Vorurteilen festgehalten. Und dadurch etwas gefunden, was sehr prägend für deinen weiteren Lebensweg sein sollte.
Hennie: Diese 4-jährige Ausbildung war eine sehr wichtige Phase für mich. Hier lernte ich Ballett und Tanzgeschichte, Bühnentanz und Tanzpädagogik. Gegen Abschluss der Ausbildung tauchte der Wunsch auf, ich möchte gerne mehr lernen von russischem Tanz. Mein Onkel hatte Verbindungen in die Tanzwelt dort in der Ukraine und meinte – komm ruhig, ich sorge dafür dass du hier ein Tanztraining machen kannst. In Mai 1968 bestand ich die Abschlussprüfung zum Bühnen-Tänzer und Tanzpädagogen. Danach kam in August das Abenteuer: das erste Mal alleine mit dem Zug nach Moskau, und weiter nach Donetsk, ohne meine Mutter, die das bisher immer alles organisiert hatte!
Larissa: So eigenständig unterwegssein ist auch eine gute Schule!
Hennie: Ich habe viel gelernt. Auch, dass die Sowjetunion ein bisschen anders ist, als wie ich das aus Urlaubsmomenten erfahren hatte. Was bei meiner Tante auf den Tisch kam, sah ich nie in den Geschäften – bis ich feststellte, dass meine Tante das alles über Freunde und Verbindungen organisierte, das war eine große Schattenökonomie. Alles, wo es ein Defizit gab, war zu erreichen – aber man musste Beziehungen haben.
Larissa: Wie lange warst du da?
Hennie: Drei Monate. Dann kam ich zurück nach Holland und musste erst mal Brot verdienen. Ich sagte zu meiner Mutter, weißt du was? Ich möchte so gern ein großes russisches Ensemble gründen, wir haben in Rotterdam viele russische Frauen, die gut singen. Das Ensemble „Wolga" hatte sich während meines Aufenthalts in der Sowjetunion aufgelöst. Bei einem Festabend hatten wir eine Aufführung mit einigen Mitgliedern des Wolga-Ensembles. Im Anschluss kündigte ich an, dass wir ein neues Ensemble gründen wollen, und wer dabei sein mag könne sich melden. Da kamen so viele Leute auf uns zu – in kurzer Zeit hatten wir genügend Leute. Das Ensemble haben wir Kalinka genannt und kamen zu dem Punkt, an dem wir qualitativ gute Vorführungen geben konnten.

Das Cover eines Buchs über Hennie's Ensemble Kalinka - mit ihm im Spagat in der Luft
Auftritt Kalinka 1973 & 1978
Larissa: Also du hast parallel Tanz unterrichtet und bist mit Kalinka getourt.
Hennie: In der Zwischenzeit kam aber für mich die Frage auf – möchte ich neben meinen Aktivitäten mit Kalinka mein Leben lang Ballettunterricht geben an Kinder und Hausfrauen? Dann hörte ich, in Rotterdam ist eine moderne Tanzgruppe gegründet worden Rotterdams Danscentrum (Rotterdamer Tanzzentrum). Ich kannte die Leiterin – sie war Dozentin bei uns an der Tanzakademie. Sie suchten noch einen Jungen – und ich schaffte die Aufnahme. Ein Vertrag für zwei Saisonen, wir haben mit Choreografen gearbeitet, unter anderen war Pina Bausch bei uns als Gastchoreografin, und auch Lucas Hoving aus den USA. Einige meiner Kollegen wechselten nach zwei Saisonen schließlich zu Pina Bausch – doch ich hatte Kalinka, wir waren in der Zwischenzeit ziemlich erfolgreich und traten mit Sängern wie Iwan Rebroff zusammen auf. Ich wollte in Rotterdam bleiben.

Das Programmheft des Rotterdamer Tanzzentrums, 1970
Larissa: Da warst du sehr klar. War Rotterdam ein guter Platz für dich?
Hennie: 1972 war die Zeit kreativ, viele kleine Theater, es tat sich sehr viel in der Kulturszene. Zusammen mit vier Kollegen des Rotterdamer Tanzzentrums gründeten wir eine neue Tanzgruppe mit dem Namen Penta-Theater, das griechische Wort für „fünf“. Wir wurden von der Stadt Rotterdam und dem niederländischen Kulturministerium subventioniert, spielten in vielen kleinen Theatern in Holland und in kürzester Zeit waren wir auch in England, Frankreich, Schweiz, Deutschland, bis zu Singapur und Japan – es waren turbulente Jahre.
Larissa: Und das alles parallel zu den Auftritten mit Kalinka?
Hennie: Kalinka konnte ich nicht mehr kombinieren und musste es nach 10 Jahren aufgeben – und es war auch Zeit. Schließlich war es aber auch an der Zeit, das sehr intensive Leben als Bühnentänzer aufzugeben. Mit 40 ist in der Regel bei den meisten Schluss. Ich hatte herausgeholt, was herauszuholen war – und merkte, ich möchte aufhören.

Ein Plakat der Japan-Tournee, 1983
Und wieder so ein Glücksfall: Es gab in Holland eine neue Regelung: Das Recht auf eine Umschulungsphase für Tänzer – das war ein Luxus. Zusätzlich hatte ich um ein Stipendium angesucht und es bekommen – für Moskau.
Das Kulturministerium der Sowjetunion hatte mich als Student dem GITIS (Staatliches Institut für Theaterkunst) zugewiesen, das heute Russische Akademie heißt. Dort werden Volkstanz, Volksgesang und Musik auf höchstem Niveau unterrichtet. Doch das interessierte mich nicht - ich wollte zu Tatjana Ustinova, sie war die Leiterin von der Tanzgruppe des berühmten Pjatnitski-Volkschors und für mich mit Kalinka immer schon ein Vorbild. Also verlangte ich am Ende einer Aufführung ihres Chors nach ihr, um sie zu fragen ob es eine Möglichkeit gäbe, bei ihr mit dem Stipendium zu lernen. Sie meinte – wir können das regeln. Und so habe ich dann meine Weiterbildung bei Ustinova bzw. Olga Zolotowa, eine der Tanzsolistinnen von Ustinowa, gemacht, obwohl das eigentlich nicht so vorgesehen war.
Ich war ein Glückspilz, dass ich das auf diese Art und Weise machen konnte!
Volkstanz und Bühnentanz sind zwei völlig unterschiedliche Dinge – und ich hatte das Glück, dass ich in meiner Umschulungszeit beide Elemente kombinieren konnte: Beim Pjatnitski Volkschor lernte ich Ustinovas Choreografien und in den Begegnungen mit Ethnochoreologen und -musikologen lernte ich die traditionellen Tänze kennen.
Nach diesen drei Jahren in Moskau bei Ustinova kam ich zurück nach Holland und musste wieder mein Brot verdienen – am liebsten mit russischen Tänzen! Und auch das war wieder so ein Glücksfaktor: Es war die Zeit Gorbatschows, russische Kultur fand Anklang. Ich wusste: Mit russischem Tanz bin ich jetzt im richtigen Moment. Ich habe Tanzprogramme entwickelt, ein Programm das für Laien tanzbar war, und natürlich mit sehr schöner Musik. Ich begann in Holland – war bald in Belgien und Deutschland, wo sehr viel Anklang war. Schließlich kam eine Einladung in die Schweiz, dann England und so nach und nach von überall, Italien, Spanien, Skandinavien, Amerika sogar zum Stockton Folk Dance Camp, was der Türöffner war für Einladungen nach Hongkong, Taiwan, Japan, Südamerika.

Hennie mit seiner Mutter Nadja und seinem Partner Frans beim Stockton Folk Dance Camp, 1996
Hennie: Den Höhepunkt meiner Karriere hatte ich aber in Österreich: die Veranstaltung im Wiener Konzerthaus 2010. Bochum ist Partnerstadt von Donezk, und über einen Kulturaustausch kam ein Ensemble aus Donezk, „Ozorniye Naigrishi", nach Bochum. Ich wurde gebeten, mit ihnen ein Wochenende zu gestalten – ich kannte sie überhaupt nicht, aber der Leiter und ich verstanden uns auf Anhieb so gut, dass daraus ab 1998 eine langjährige Zusammenarbeit wurde. So kam es 2010 zur Einladung ins Wiener Konzerthaus, zum Programm „Tanzboden" – österreichische Folklore trifft auf eine andere Folklore.
Es war fantastisch. Meine Mutter war dabei, sie war im siebten Himmel – es waren ja ihre Landsleute auf der Bühne.
Der Höhepunkt von Hennies Karriere: Die Veranstaltung im Wiener Konzerthaus 2010.

Die Mitglieder des Ensemble Ozorniye Naigrishi mit Hennie Konings, Doris Saisch und choretaki-Gründerin Ulli Bixa, auf deren Initiative hin der Konzertabend im Konzerthaus zu Stande kam.
Bis 2010 hatten wir gemeinsame Projekte in Deutschland, Holland und Österreich, sieben CDs sind entstanden. Ab 2014 wurde die Lage aber so unsicher, dass wir nicht mal mehr ein Jahr im Voraus etwas ausmachen konnten – niemand wusste, ob eine Ausreise realistisch war, oder ob sie danach wieder zurück könnten.
Larissa: Du bist viel herumgekommen. Kürzlich hast du deine Kurse aber beendet?
Hennie: 2023 habe ich mein Abschiedstanzfest gefeiert in Österreich und Deutschland, wo ich am längsten unterrichtet habe. Für Gruppen unterrichte ich nicht mehr. Ich tanze aber ab und zu für mich allein, wenn ich schöne Musik auflege, dann mit Einschränkungen, die ich habe, dann kann ich doch auch Tanzfreude erfahren. Aber ich liebe es auch im Kreis mitzutanzen. Das geht immer noch.
Larissa: Danke für deine Offenheit und die vielen berührenden Einblicke in deine Lebensgeschichte!
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